Bericht: Warum HTC Apple verklagt und wann Google die Welt übernimmt

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Apple vs HTC

Ausgleichende Gerechtigkeit - immer wieder hört man in den Medien davon, dass Apple mit scheinbar vollkommen aus der Luft gegriffenen ...


Ausgleichende Gerechtigkeit – immer wieder hört man in den Medien davon, dass Apple mit scheinbar vollkommen aus der Luft gegriffenen Vorwürfen und fadenscheinigen Patenten seine Konkurrenz aus dem Weg schaffen möchte. Das soll an dieser Stelle auch gar nicht bestritten werden, denn ob die Klagen gegen Samsung z.B. wirklich rechtens sind, ist eine Frage für sich. Allerdings sollte an dieser Stelle nicht vergessen werden, dass Apple nicht der einzige Konzern ist, der sich mit Patenten eindeckt und aggressiv versuchen wird, den mobilen Sektor zu erobern.

Um das genauer zu erläutern, muss zugegeben recht weit ausgeholt werden. Florian Müller von Fosspatents berichtete bereits zuvor über die subtile Unterstellung Apples im Rechtsstreit gegen HTC, Andy Rubin habe seine Inspiration für die API des Android OS durch seine Arbeit bei Apple erhalten. Dort wurde auch die Möglichkeit einer Klage gegen Google erwähnt, da Google vor kurzem Motorola Mobility übernommen hatte und Motorola wiederum schon zuvor von Apple verklagt worden ist. Das Ganze ist insbesonders ironisch unter der Berücksichtigung, dass Google mit der Übernahme unter anderem Motorolas Patente für sich sichern wollte, um genau solchen Rechtsstreitigkeiten zuvorzukommen, nicht, um sich weitere Patentklagen von Apple ins Haus zu holen.

Verdeutlicht werden kann das Ganze mit dem Phänomen der “Fatamotorgana”. Getreu im Sinne einer Illusion durch einer Fatamorgana, ausgelöst durch Mangelerscheinungen und schlechten äußeren Bedingungen gibt man unter anderem bei HTC vor, dass die Fusion von Google und Motorola im Zuge der Rechtsstreitigkeiten gegen andere Hersteller helfen und die Android-Plattform weiter legitimieren würde. Sprich, Google als “Gründervater” würde die schützende Hand über die Hersteller, die das Android OS benutzten legen und sie im Rechtsstreit gegen Apple bewahren.

Erik Sherman @ bnet.com: [But] who wants to go to all that [patent] trouble when Google also wants to kill your hardware sales in favor of its own?”

Dass Google vielmehr planen könnte, mit Motorola selbst in den Hardware-Sektor einzusteigen und die anderen Hersteller von Android-Geräten im direkten Kampf gegen ein Google-Monopol gar keine Chance besitzen würden, wird eigentlich von niemandem so wirklich laut gesagt. Statt der tödlichen Treibsandgrube spielt man sich eine “Googlerola-Oase” vor, die einen vor Apples flammenden Klageschriften retten werde – obwohl Google sicherlich keinerlei Regung zeigen wird, sich da einzumischen, will der Konzern doch selbst bald in den Hardware-Sektor einsteigen.

Zurück zum aktuellen Streit gegen HTC. Entgegen der landläufigen Meinung wurde dieser Rechtsstreit nicht direkt von Apple angezettelt, sondern von HTC – zumindest die derzeitige Runde. Bereits zuvor hatte Apple im Juli 2011 ein Verfahren gegen HTC gewonnen. Von den ursprünglichen 20 Patenten, die Apple verletzt sah, wurden übrigens nur 2 Verletzungen anerkannt. Bis es zum Urteil kam, gab es gleich eine ganze Reihe von Klagen und Gegenklagen zwischen den beiden Parteien. Am Ende wurde HTC dazu verpflichtet, genau wie an Microsoft auch an Apple für jedes verkaufte Gerät eine Lizenzgebühr zu bezahlen, die sich im einstelligen Dollar-Bereich bewegte.

Eigentlich hätte HTC die Sache auf sich beruhen lassen können, denn Apple selbst muss ebenfalls seit dem verlorenen Streit gegen Nokia Lizenzgebühren bezahlen und im Allgemeinen sind derartige Gebühren nichts, was ein groß angelegtes Rechtsverfahren rechtfertigen würde. Stattdessen verklagte HTC nun allerdings in der Rückrunde im August 2011 Apple, und zwar auf weitreichenderer Ebene, die bis zu den frühen Anfängen der Smartphones und Tablets zurückreicht. Das ist nicht weiter verwunderlich, denn tatsächlich gesehen war es der taiwanesische Konzern, der noch vor iPhone und iPad seine PDAs und Tablet-PCs auf den Markt brachte – mit solidem, aber nicht gerade bahnbrechendem Erfolg. Dafür war das Design zu grob und arbeitsorientiert und das Klientel zu sehr auf die Geschäftswelt beschränkt.

“Aber was sollen normale Nutzer denn schon mit einem PDA oder Smartphone anfangen?”, fragte man sich, bis das iPhone die Smartphone-Ära und den rasanten Aufstieg Apples im mobilen Sektor einleitete. Noch zu Zeiten des Iphone 2G war Apple eher als eine Marke für Snobs verschrien, die nicht wussten, wohin mit dem Geld. Einen Mac besaßen zu der Zeit nur die wenigsten und auch die Iphone-Besitzer wurden lange Zeit nur belächelt. Heutzutage kann sich jeder im Vertrag ein iPhone leisten und die Popularität der iOS -Geräte scheint auch ein zunehmendes Interesse im Mac-Sektor bewirkt zu haben, wenngleich Windows hier nach wie vor absolut dominiert.

Man könnte also meinen, dass HTC Apple aufgrund des Neides auf den Erfolg verklagt, denn selbst hatte man – obwohl man die wesentlichen Grundmerkmale der Geräte definiert hatte – mit seinen PDAs, Smartphones und Tablets keinen vergleichbaren Erfolg. Anders als Apple, die durch überlegenes Design und Vermarktung genau diesen Erfolg einfahren konnten. Man muss den Anwälten von HTC jedoch zu Gute halten, dass deren Vorwürfe auf dem ersten Blick seriöser klingen, als Apples Geschmacksmuster, welche auf runden Ecken, bunten Icons und schwarze Rahmen basieren:

The patents at issue cover a range of functionality embodied in Apple’s Mac computer and mobile devices that are essential to user experience, including: Wi-Fi capability that allows users to wirelessly network multiple devices at home, at work, or in public; and processor communication technology that enables a seamless integration of a PDA and a cellular phone into a single device providing users with a true smartphone experience, HTC said. The patents at issue are US Patent Nos. 7,417,944, and 7,672,219 and 7,765,414.

Laut HTC verletzt Apple also die eigenen Patente, da deren Geräte einerseits WLAN benutzen und andererseits die Fähigkeiten eines PDAs mit denen eines Telefons vereine – ein typisches Smartphone eben. Denkt man einen Moment darüber nach, sind HTCs Vorwürfe genauso allgemein und auf jedes andere Gerät dieser Art übertragbar, wie die Vorwürfe Apples gegen Samsung aufgrund irgendwelcher runden Ecken und flachen Kanten. Interessant ist aber, das HTC lediglich Apple verklagt, und nicht Samsung oder andere Hersteller. Apple ist da wenigstens konsequent und erwähnte bereits in der Klageschrift gegen Samsung, dass die anderen Hersteller bereits von den eigenen Anwälten kontaktiert worden seien.

Einerseits liegt die Vermutung natürlich nahe, dass Apple für HTC der ärgste Konkurrent ist, da er den gesamten Android-Bereich gefährde, die Klage nur ein Mittel zum Zweck ist, Apple einzudämmen und das HTC deshalb nur auf Apple zielt. Andererseits muss man auch wirklich sagen, dass Apple es auch geradezu mit der aggressiven Vorgehensweise provoziert, dass man mit denselben Mitteln zurückschießt.

Seltsam ist jedoch, dass in den Medien teilweise eher Befürchtungen eines Apple-Monopols, was meiner Meinung nach aufgrund der starken Polarisierung des Herstellers unwahrscheinlich ist, als die eines Google-Imperiums auftauchen. Die Hersteller unterstützen dies noch weiterhin, indem sie getreu der Fatamotorgana die Übernahme Motorolas durch Google in der Öffentlichkeit befürworten, obwohl im Hintergrund die Nervosität steigt, wie Analysten laut itp.net berichteten:

“Samsung, HTC, and Sony Ericsson may now look at other platforms as a way to diversify the risk of being so dependent on one platform. Increasing their Windows Phones portfolio may now be a need in the long term. These companies don’t want to see Google as their main partner and main competitor at the same time.”

Es ist glücklicherweise unwahrscheinlich, dass Google von heute auf Morgen Android exklusiv für sich beanspruchen wird, aber für die Hersteller wird nach der Übernahme Motorolas im Android-Sektor definitiv ein anderer Wind wehen. Google als größter Partner und Konkurrent zugleich – eine zweischneidige Beziehung, die schon seit der Übernahme von Youtube und dem neuen Google+ Social Network durch das hungrige Google-Imperium immer konkretere Gestalt annimmt.

Ohne Apples aggressives und mitunter fast bizarr erscheinendes Klageverhalten rechtfertigen oder gar befürworten zu wollen, sollte man vor allem als unvoreingenommener User fernab vom “iOS vs. Android” – Krieg einen kritischen Blick auf beide Seiten werfen. Im Grunde genommen befinden sich nämlich alle Hersteller momentan in einem sehr angespannten Stadium, für das der Begriff “Paranoia” noch ein Euphemismus wäre.

Wie weit das geht, zeigen die jüngsten Entwicklungen im Streit zwischen Apple und HTC, denn eigens um diese Instanz für sich zu entscheiden schreckte HTC laut Fosspatents nicht einmal davor zurück, sich den Konzern S3 Graphics einzuverleiben. Die wirklich entscheidenen Gerichtsverfahren stehen uns also noch bevor.

  • Thomas

    Kann es vielleicht sein, dass HTC andere Hersteller wie Samsung nicht verklagt, weil sie bereits ein Lizenzabkommen miteinander vereinbart haben?

    Und selbst wenn die Lizenzzahlungen von HTC an Apple pro Gerät nur im einstelligen Dollar-Bereich liegen so sind es in Summe, bei etlichen Millionen verkauften Geräten, sehr hohe Summen die HTC an Apple abführen muss. Da ist es doch nicht verwunderlich das HTC diesen “Verlust” ausgleichen möchte … in dem es seinerseits, im Falle eines Erfolgs, Lizenzzahlungen von Apple erhält.

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  • Flat D

    Wie schon mal gesagt, hat Apple nicht mit dieser Klagewelle begonnen, sondern Motorola, Microsoft und Nokia waren die Brandstifter. Auch finde ich es sehr befremdlich, daß HTC sich von Google mit Motorola-Patenten versorgen läßt, um quasi rückwirkend die eigene Position zu stärken. Patente sollten immer dem gehören, der sie eingereicht und entwickelt hat. Geistiges Eigentum wie eine Ware zu veräußern und als Waffe einzusetzen, statt nur seine eigene Entwicklung gegen Raubkopierer zu verteidigen, finde ich anstandslos und ekelhaft. Patenttrolle sind Missgeburten der Neuzeit. Und Google ist die hässlichste davon.

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